Offener Brief an die HNA-Dierichs Medien-Gruppe

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Kassel, 30.04.2007


Offener Brief zur IHK-„Studie“ zum Ausbau der A44

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Braun,

die Diskussion um den Ausbau der A44 ist Ihnen bekannt, wie auch der Standpunkt der Umweltverbände, der Grünen und einiger unabhängiger Experten zu den erhofften bzw. be-fürchteten Auswirkungen dieses Projektes. Die von der Kasseler IHK zu der Thematik erstell-te sogenannte Studie ist, wie in der Anlage zu diesem Schreiben ausführlicher dargelegt, als grober Manipulationsversuch anzusehen. Sie soll den Eindruck vermitteln, dass es eine brei-te Mehrheit für den Autobahnbau gibt und dass durch die verkürzten LKW-Fahrzeiten eine Verringerung des CO2-Ausstosses erzielt werde.

Beide Aussagen lassen sich auf Grund der IHK-Ausarbeitung nicht schlüssig belegen.
Trotzdem hat die HNA das Ergebnis der sogenannten Studie – offenbar ungeprüft – am 14. Februar in zwei fast halbseitigen Artikeln mit den Überschriften „Lückenschluß nötig“ und „IHk-Studie: Mit A44 sinkt CO2-Belastung“ auf der ersten Seite gebracht. Und im IHK Maga-zin 3/2007 wird erneut über die von den Interessen der Autobahnbefürworter beeinflusste Studie als Begründung für den geforderten Bau der A44 berichtet. Eine Anfrage an Chefre-dakteur Ruß am 03.03.07 und das Angebot einer Gegendarstellung blieben bis heute unbe-antwortet.

Ebenso wurde die an den Chefredakteur der HNA, Frank Thonicke, geschickte Stellungnah-me der AVN weder beantwortet noch veröffentlicht. Auch ein ausführliches Gespräch zwi-schen Herrn Thonicke und Vertretern von AVN, BUND und Grünen, sowie zweimaliges schriftliches Nachfragen führten nicht zu einer Richtigstellung des Sachverhaltes oder min-destens zu einer gleichwertigen Darstellung in der Zeitung.
Es liegt auf der Hand, dass eine gut organisierte Lobbygruppe, namentlich der Bau- und Transportindustrie, eine hochprofessionelle Meinungsbeeinflussung betreibt, um ihre Inte-ressen durchzusetzen. Offenbar sind Organisationen wie die GSV (Gesellschaft zur Förde-rung umweltgerechter Strassen- und Verkehrsplanung e.V.) und die FGSV (Forschungsge-sellschaft für Strassen- und Verkehrswesen e.V.) tief in die IHK-Strukturen, in die Kommu-nalparlamente sowie in die Redaktionen eingedrungen. Die geschickt konzipierten Berichte und Aktionen lassen auf professionelle Unterstützung schließen, wie sie z.B. die GSV offen propagiert. Die IHK-Studie muss man in diesem Zusammenhang allerdings als das Werk von Dilettanten bezeichnen, da sie sehr rasch als unhaltbar erkannt werden kann.

Im Gegensatz zur Strassenbau-Lobby haben andere Branchen, so zum Beispiel das Frem-denverkehrs- und Gastronomiegewerbe, weder eine schlagkräftige Lobby noch ausreichen-de Unterstützung der Kammern und Presseorgane. Auf diese Weise wird in Nordhessen eine Entwicklung eingeleitet, die zu großer Sorge Anlass gibt. Die bedeutendste Grundlage für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung durch Tourismus wird durch eine Autobahn unwiderruflich vernichtet. Als skandalös muss in diesem Zusammenhang das Verhalten der HNA und des IHK-Magazins bewertet werden, die sich als Erfüllungsgehilfen für eine unseli-ge Entwicklung hergeben. Wir wären Ihnen daher dankbar, wenn Sie im Rahmen Ihrer Funk-tion eine ausgewogene Berichterstattung einfordern würden. Für Rückfragen und ein persön-liches Gespräch stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Aktionsgemeinschaft Verkehr Nordhessen

Klaus Schotte


Kopie an: FR, Spiegel, Focus, Monitor...
Anlage: IHK Studie Auswertung

Die Folgen der fehlenden A44
Oder: Die IHK-„Studie“, die vielleicht gar keine ist...


Zuerst glaubte man, da hätte die IHK mitsamt der Autobahnlobby endlich einen Knüppel gefunden, mit dem man den BUND und die gesamte Verhinderer-Bande vor sich her und aus dem Land treiben könnte: Die Logistikbranche als die wahren Umweltschützer!
Zu schön, um wahr zu sein. In der Tat. Denn schon nach ein paar Tagen begann das vermeintliche Faktengebäude zu bröckeln. Zunächst wurde den Ausbaukritikern eine Kurzpräsentation von sieben Folien zugespielt, die in prägnanter Form die „Beweisführung“ brachte, dass die 42 km Umweg einen Mehrverbrauch von 14 Millionen Litern Diesel pro Jahr verursachten. Daraus abgeleitet folgten die Schadstoffmengen und die klare Schuldzuweisung: Der BUND treibt den Klimawandel voran. So zumindest hatte man sich das Ergebnis gewünscht.
Es kam anders. Denn was die „Studie“ nicht sagte, war die einfache Tatsache, dass jede durch irgendeine Abkürzung eingesparte Stunde LKW-Fahrzeit natürlich nicht bedeutet, dass der Fahrer seinen Truck abstellen kann und ein Nickerchen macht. Im Gegenteil, die Spediteure freuen sich über jeden Zeitgewinn, denn der steigert die Effizienz. Mit anderen Worten: Die Motoren laufen keine Stunde weniger, und folglich bleibt die Abgasbelastung auch ziemlich gleich.
Nebenbei bemerkt: Es kam auch niemandem bei der IHK der Gedanke, dass man alternative Fragestellungen wie Verlagerung auf die Schiene, oder gar Verringerung des Frachtaufkommens auch mal diskutieren könnte.
Es kommt aber noch dicker:
Der Versuch eines BUND-Mitglieds, die Grunddaten und die Fragebögen der Studie einsehen zu können, wurde abschlägig beschieden.
So etwas macht nachdenklich. Und dann schaut man sich die sieben Folien mit dem IHK Logo noch mal genauer an. Die Verkehrszahlen des Amtes für Straßenwesen (ASV) kann man als Grundlage akzeptieren, ebenfalls die daraus abgeleiteten Fahrkilometer und Verbräuche. Aber mittlerweile ist ja klar, dass sich durch eine A44 nichts ändert, weil die Gesamtbetriebszeiten pro LKW dadurch nicht reduziert werden – und auch nicht deren CO2-Ausstoß.
Daraus folgt auch, dass die so schön drastische Darstellung des gigantischen Schadstoffausstoßes von gut 37.000 t CO2 pro Jahr für eine Fahrstrecke von 42 km möglicherweise richtig gerechnet ist. Aber er entsteht in jedem Falle – mit oder ohne A44. Aus dem einfachen Grund, weil jeder LKW möglichst rund um die Uhr fahren muss, um wirtschaftlich zu sein.
Die gleiche Scheinmathematik kommt bei der Kostenberechnung zustande. Es wird glatt unterschlagen, dass in der gewonnenen Stunde ja auch wieder Umsatz erzielt wird!
Ab hier wird es vollends abenteuerlich. Es folgt eine Folie „Befragung zum A44 Lückenschluss“.
Da heißt es: „Der Lückenschluss der A44 wird dringend benötigt“: 97 % Zustimmung
Und nun folgen spezifischere Untergliederungen oder Begründungen:
- zur Besseren Erreichbarkeit der wichtigen Märkte: 70 %
- um eine wesentliche Fahrzeitersparnis zu erzielen: 70 %
- zur Transportkostensenkung: 42 %
- zur Sicherung des Standortes (unternehmensstrategische Bedeutung ): 64 %
- da positive Impulse für den Fremdenverkehr und den Handel entstehen: 62 %
- zur Entlastung des stark frequentierten reg. Straßennetzes: 73 %
- sonstige Gründe: 32 %
Nun fragt man sich, mit welcher Rechenmethode man aus den Prozentangaben der Untergruppen zu der Gesamtbewertung von 97 % gekommen ist.
Dies nachzuvollziehen ist ohne die Grunddaten der Studie zu kennen nicht möglich, wenn überhaupt. Und genau diese Daten will man nicht herausgeben. Nur soviel ist bekannt:
Angeschrieben (oder angerufen?) wurden 195 Unternehmen. Man kann davon ausgehen, dass dies Mitglieder der IHK Kassel sind. Wie der Branchenmix dabei aussah, ist nicht bekannt (Ein Hotelier wird die Bedeutung der A44 anders ansehen als ein Spediteur!) Geantwortet hat knapp ein Drittel, 65 Firmen. Welche Personen das waren (Inhaber, Geschäftsführer, Fahrer, Sekretärin) ist auch nicht bekannt.
Aus den Antworten wurden dann 39 Firmen herausgezogen, die ein wöchentliches Verkehrsaufkommen von insgesamt 3.229 LKW repräsentieren sollen, das sind etwa 17 pro Firma und Werktag, oder zwei LKW pro Stunde. Zwingende Begründung für eine Autobahn? Fehlanzeige.
Als i-Tüpfelchen werden dann rund 4.500 Pendler aus 26 Firmen aufgelistet, die die Autobahn brauchen. Die kommen auch jetzt schon zur Arbeit, und wenn die B7 vernünftige Ortsumgehungen hätte, dann wäre dort Ruhe – im wahrsten Sinne des Wortes. Vom ÖPNV als Alternative gar nicht zu reden.
Noch ein Wort zu den Grunddaten der Befragung – soweit diese verfügbar oder rekonstruierbar sind: Der „unbedingt benötigte Lückenschluss“ ist eine Suggestivfrage, die kein seriöses Institut in dieser Weise stellen würde. Es sei denn, man will Werte von über 90 % bei einer ohnehin Autobahn-affinen Stichprobe erzielen. Die Untergruppen (Erreichbarkeit, Zeitersparnis, Kostensenkung) sind für die Logistikbranche elementare Anforderungen und insoweit allgemeingültig. Was nicht heißt, dass realistischerweise immer mit einer 100 %igen Erfüllung dieser Anforderungen gerechnet werden kann. Also auch hier kein spezifisches Argument pro A44. Die anderen Suggestivfragen (Impulse für den Fremdenverkehr, Strassenentlastung) ließen in ihrer entwaffnenden Naivität die Vermutung aufkommen, dass die gesamte „Studie“ eher hausgemacht denn professionell erarbeitet ist. Dies bestätigt nun auch das IHK Magazin in seiner Nummer 3.
Folgt man der Denkweise, die Roland Koch angesichts der niedrigen Wahlbeteiligung in Frankfurt kürzlich demonstriert hat, kann man die Studie auch folgendermaßen interpretieren: 66 Prozent der Befragten haben sich nicht geäußert. Das bedeutet ganz klar, dass die Mehrheit mit dem gegenwärtigen Zustand zufrieden ist und keinerlei Veränderung will. Na also, das sagen wir doch schon die ganze Zeit!

Wolfgang Ehle, Helsa (AVN-Mitglied)
März 2007


Bei Rückfragen:
Wolfgang Ehle, Tel. 05602 916414
Klaus Schotte, Tel. 0561 / 87 83 84 oder 0160 / 88 38 238


 

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